Detmolder Historie seit 1998

Historie des Studiengangs

Ein Beitrag von Prof. Dr. Ernst Klaus Schneider

Musikvermittlung als Beruf

Das Weiterbildungsangebot „Musikvermittlung“ an der Hochschule für Musik Detmold ist im Jahre 1998 von Professoren Hermann Große-Jäger, Joachim Harder und Ernst Klaus Schneider ins Leben gerufen worden. Es war eine Reaktion auf die seit den 1980er Jahren des 20. Jahrhunderts rapide wachsende Anzahl von Konzerten für Kinder, von Konzerten für bestimmte Zielgruppen im Erwachsenenbereich und für neue Musikszenen im deutschsprachigen Raum. Diese wurden in der Regel von Dirigentinnen, Dramaturgen, Musikerinnen konzipiert, organisiert und durchgeführt. Nun wurde der Ruf laut nach einer Professionalisierung: Kulturträger/innen suchten nach Menschen, die die vielschichtig sich (auch neu) ergebenden Aufgaben kompetent übernehmen konnten. Das Interesse der Kulturträger/innen an der Verbesserung und Neukonzeption der Vermittlung war auch ausgelöst worden durch den vermeintlichen Rückgang des Konzertbesuchs und des Interesses an „klassischer“ Musik. Die 1998 vor allem von Hermann Große-Jäger vorgetragene Forderung, die Idee der „Musikvermittlung“ müsse die Hochschule als Ganzes durchdringen, konnte damals nicht sofort umgesetzt werden.

Musikvermittlung als Begriff

Für das neue Ausbildungsfach wurde die Bezeichnung „Musikvermittlung“ gewählt, weil es sich gezielt an einem eigenen Berufsfeld orientierte, das außerhalb der unterrichtsbezogenen Arbeit in Schule, Musikschule, Instrumentalunterricht liegt: Vermittlungstätigkeiten bei Orchestern, bei Kulturinstitutionen bis hin zum Rundfunk u.ä.. Diese Eingrenzung wurde in der ersten Veröffentlichung zum Studiengang (neue musikzeitung 7/8.1998) formuliert. Diese genaue Bestimmung konnte jedoch nicht verhindern, dass das Wort „Musikvermittlung“ im deutschsprachigen Raum sich nach 2000 zu einem weit verbreiteten Modewort entwickelte, das als Universalformel für alle Bereiche der Musik verwendet wurde. Es löste höchst kontroverse Diskussionen aus und führte zu einer Fülle unterschiedlicher Interpretationen. Inzwischen wird der Begriff „Musikvermittlung“ weithin wieder eingegrenzt verwendet auf die in Detmold ursprünglich gewählte Bedeutung. Das Arbeits- und Studiengebiet umfasst „eine Vielzahl von Grundüberlegungen, Konzeptionen und Aufgabenfeldern, die darauf abzielen, im außerschulischen Bereich Musik Laien nahezubringen.“ (Irena Müller-Brozovic (2017): Musikvermittlung. In: KULTURELLE BILDUNG ONLINE)

Historie des Studiengangs
(c) Ernst Klaus Schneider

Die erste Studienordnung

Im Wintersemester 1998 konnte das Detmolder Pilotprojekt (Zusatzstudiengang) „Musikvermittlung“ starten. Es richtete sich an bereits ausgebildete Musikerinnen, Musikpädagogen, Komponistinnen und Musikwissenschaftler. Unter der Federführung von Ernst Klaus Schneider wurde 1998 gemeinsam mit Hermann Große-Jäger und Joachim Harder eine Studienordnung entworfen, die von vornherein ein breites Tätigkeitsfeld außerhalb von Schule und Musikschule in den Blick genommen hat: die konzeptionelle und praktische Vermittlungsarbeit mit Orchestern oder freien Ensembles, die Referent/innentätigkeit in Kulturinstitutionen bis hin zu der Mitarbeit in Rundfunk und Fernsehen.

Die Studienordnung verlangte die durchgehende Verknüpfung der Lernorte Hochschule mit dem durch Musikpraxis geprägten Berufsfeld. Praktika waren verpflichtend. Die mit Blick auf das Tätigkeitsfeld nach wissenschaftlichen wie künstlerischen Themen ausgewählten Studieninhalte waren Dramaturgie einer Musikveranstaltung, didaktischer Umgang mit Musik, Methoden der Vermittlung in Kinder- wie von Erwachsenenkonzerten, Moderationstraining, szenischer Grundunterricht, Ensemblepraxis und Medienanalyse. Die Inhalte waren bezogen auf das, was eine Musikhochschule anbietet: „Klassische“ Musik, Neue Musik, Jazz.

Die kulturelle Situation nach 1998

Die Gründung des Zusatzstudienganges „Musikvermittlung“ im Jahre 1998 geschah in einer ganz besonderen kulturellen Situation in Deutschland und Europa. Überall gab es eine Aufbruchsstimmung zur Veränderung und Weiterentwicklung der bestehenden Musikkultur. Alternative Kulturszenen entwickelten sich. Anregungen gab es aus Österreich und England. Die Jeunesses musicales France bot 1999 ein Symposion in Paris an, das mit Aufführungen Einblick gab in die Vermittlungsansätze in allen westeuropäischen Ländern (performative Konzerte für Kinder, Tanzkonzerte, Workshopkonzerte, neue Raumkonzeptionen). Die Jeunesses musicales Deutschland gründete 2000 die „Initiative Konzerte für Kinder“ mit einem Netzwerk (2002, 400 Mitglieder), einer Buchveröffentlichung und einem Symposion 2001, das in Deutschland nachhaltige Wirkungen zeigte (Barbara Stiller, Thomas Rietschel). In der Bundesakademie für kulturelle Bildung Wolfenbüttel (Markus Lüdke) gab es gemeinsam mit dem Pilotprojekt Detmold eine Expertentagung zur Musikvermittlung. Von alledem profitierte der Zusatzstudiengang „Musikvermittlung“ auch, weil Joachim Harder und Ernst Klaus Schneider in diesen Gruppierungen mitwirkten. Die viel gelesene Neue Musikzeitung (Juan Martin Koch) sorgte für die mediale Verbreitung der neuen Ansätze. Das Pilotprojekt „Musikvermittlung“ war im deutschsprachigen Raum über viele Jahre einzigartig, konnte Anregungen von außen umsetzen und Pionierarbeit leisten. Er fand schnell Zuspruch; bis 2002 kamen fast 40 Interessierte zum Studium nach Detmold.

Der Boom musikvermittlerischer Tätigkeiten nach 2002 wurde bundesweit weiter verstärkt durch die Gründung des Educationprojekts der Berliner Philharmoniker (Simon Rattle ), gesteigert durch den Erfolg des Projekts „Rhythm is it“ im Jahre 2004 mit Royston Maldoom. Nach und nach wurden an einzelnen Orchestern und Kulturinstitutionen Stellen für Musikvermittler/innen geschaffen und viele musikvermittlerische Aktivitäten in Gang gesetzt: Symposien, Projektinitiativen, Kooperationen zwischen Bildungs- und Kulturinstitutionen und neu gegründete Abteilungen an vielen Konzert- und Opernhäusern sowie die Gründung des Netzwerk Junge Ohren e.V. im Jahr 2008 zeugen von einer vielgestaltigen Musikvermittlungsszene im Aufbruch. Für Musikerinnen, Musikpädagogen und Musikwissenschaftlerinnen und Kulturmanager eröffnete sich ein immer größer werdendes Berufsfeld am Schnittpunkt von Musikpraxis, Musikvermittlung und Kulturmanagement.

1. Kindermusikfest Schleswig-Holstein mit Irena Müller-Brozovic
(c) Ernst Klaus Schneider

Neue Praxisfelder

Die Praxisanteile des Studiengangs verlagerten sich nach 2002. Zum einen entwickelte Ernst Klaus Schneider mit den Studierenden und dem Schauspieler Ulrich Holle für Detmold die Konzertreihe Concertino piccolino mit sechs Konzerten im Jahr für 4- bis 6jährige Kinder. Dies enthielt auch eine soziale Komponente, in dem Kindergärten angesprochen wurden. Dieses Konzertformat ist ein Beispiel für die Grundauffassung, dass wir selbst entwickeln wollten, statt zu übernehmen, agieren anstatt zu reagieren. Heute fungiert die Konzertreihe als Konzertlabor innerhalb des Studiengangs und wird seit 2007 von Claudia Runde geleitet. Inzwischen haben frühere Studierende ähnliche Formate in ganz Deutschland und im Ausland eingeführt. Zum anderen öffnete Schneider das Praxisfeld für die Studierenden überregional: „Über die Grenzen Detmolds hinaus.“ Der Studiengang übernahm die Konzerteinführungen des Kulturamts Paderborn. Er führte das 1. Kindermusikfest des Schleswig-Holstein Musikfestivals durch – eine enorme Herausforderung, die in der Öffentlichkeit als „bravouröse Premiere“ gefeiert wurde. Es folgte die Gestaltung von Kindermusikfesten auf Schloss Wendlinghausen, 2006 übernahm der Studiengang die Durchführung der Konzerte für Kinder und Schulen am Staatstheater in Kassel, 2008 die Durchführung des 1. Kindermusikfestes im Festspielhaus Baden-Baden.

Gemeinsam lässt sich Neues entwickeln

Das Pilotprojekt „Musikvermittlung“ lebte hochschulintern durch die vielen gemeinsamen Planungsgespräche, durch den Austausch von Ideen und durch die engagierte praktische Mitwirkung von Hochschullehrerinnen und -lehrern: Hermann Große-Jäger übernahm die Vorstellung und Planung von Konzerten für Kinder. Joachim Harder betreute die Ensembleleitung und entdeckte neue Formen der Programmgestaltung. Manfred Roth, Ulrich Holle, Dorothea Geipel übernahmen Bühnenpräsenz und Sprechen. Ernst Klaus Schneider war zuständig für das Fach Didaktische Interpretation von Musik, für Konzertformate sowie für die Planung und Durchführung der Konzerte. Joachim Thalmann steuerte anfangs Seminare zur Musikvermittlung in Radio und Fernsehen bei und entwickelte schließlich sehr differenziert einen eigenen, ganz neuen Bereich: die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit einschließlich der Nutzung Neuer Medien. Denn die Studierenden sollten auch lernen, das eigene Konzept unter die Leute zu bringen.

Historie des Studiengangs
(c) Ernst Klaus Schneider

Wer ist damals gekommen?

Die Menschen, die sich 1998 für die neue Ausbildung entschlossen hatten, kamen aus dem ganzen deutschsprachigen Raum. Sie waren bereits vielfältig und in sehr verschiedenen Tätigkeitsfeldern engagiert. Ihr kostbarstes Gut war die ihnen zur Verfügung stehende Zeit. Das Studienangebot war konzentriert organisiert in Form von Wochenendseminaren (Freitag Abend bis Sonntag Mittag), 16 Wochenenden in vier Semestern). In diesen als äußerst intensiv erlebten Wochenenden wurden grundlegende Kompetenzen in aufbauenden Unterrichtsformen vermittelt. Zusätzlich wurden Expert/innen als Referent/innen für wichtige Spezialgebiete eingeladen (Experimentelle Musik, Szenische Interpretation, Moderation im Rundfunk.) Aufgrund des intensiven Austauschs konnten die Studierenden auch viel voneinander lernen. Um die Kommunikation zwischen den verschiedenen Jahrgängen zu fördern und Netzwerkbildungen anzuregen, wurden mehrtägige, für jedermann offene Tagungen in Detmold durchgeführt, in denen übergreifende Themen angesprochen wurden (2006: Qualität von Konzerten für Kinder; 2008: Präsenzerfahrungen; 2016: Räume für Musik). Immer waren auch diese Tagungen geprägt von grundlegenden Überlegungen, die mit Präsentationen von Konzerten verknüpft wurden.

Wo sind sie geblieben?

Die beruflichen Tätigkeiten von früheren Studierenden (bis 2008 etwa 70) sind hier nur kursorisch und beispielhaft durch Nennung der Arbeitsorte aufzulisten. Wien: Wiener Philharmoniker, Musikverein (Kling-Klang-Konzerte) / Basel: Musikhochschule / Mini-Konzerte / Hannover: Rundfunk: „Zwergen-Abo“, „Spurensuche“, Musikhochschule Hannover / Salzburg: Opernkamps der Festspiele / München: Bayerischer Rundfunk, mini-musik / Frankfurt am Main: Alte Oper, Oper / Münster: „fidolino“ / Düsseldorf: Tonhalle Düsseldorf, Düsseldorfer Philharmoniker … ergänzt um eine Auswahl an Stimmen von Absolvent/innen heute. 

Weiterentwicklung bis 2008

Im Jahre 2004 wurde das Studienangebot „Musikvermittlung“ aufgrund der großen Nachfrage vom zweijährigen auf den einjährigen Studienbeginn umgestellt. Zugleich wurde die aus dem Kunsthochschulgsetz resultierende Studiengebühr (2004: 650 Euro, 2006: 950 Euro) eingeführt. Unter dem Rektorat Christian Vogel wurde der Studiengang durch die Schaffung einer Professur für Musikvermittlung gesichert und 2006/2007 zu einem Masterstudiengang umgewandelt mit einer dem entsprechenden Studienordnung. 2008 schied Ernst Klaus Schneider aus der Leitung des Studienganges aus. Zum Wintersemester 2008/2009 wurde Janina Schaefer auf die Professur berufen.

Historie des Studiengangs
(c) Ernst Klaus Schneider

Rückblick

Als 1998 der Studiengang als Detmolder Pilotprojekt ins Leben gerufen und damit „Musikvermittlung“ als Ausbildungsfach etabliert wurde, ahnte niemand, in welchem Umfang sich „Musikvermittlung“ im deutschsprachigen Raum verbreiten würde. Es wurden bei Orchestern und Kulturträger/innen Stellen für Musikvermittler/innen geschaffen, auch wenn nicht zu übersehen ist, dass die Honorierung dieser mit einer Doppelausbildung hoch qualifizierten Personen unverhältnismäßig gering ist. Inzwischen bieten viele andere Hochschulen das Fach „Musikvermittlung“ an, sei es als eigenen Studiengang (z.B. Anton Bruckner Privatuniversität), sei es mit Teilaspekten in grundständigen Studiengängen. „Musikvermittlung“ hat das Interesse auch der Forschung gefunden. Zeitschriften berichten, einzelne Dissertationen zur Thema sind erschienen. Besonders wichtig ist die zu beobachtende hochschulinterne Entwicklung, dass das Fach vor allem bei den jüngeren Hochschullehrenden im künstlerischen Bereich akzeptiert und als wichtig angesehen wird. Damit wird auch ein Gedanke aus den Planungsüberlegungen von 1998 Realität: „Musikvermittlung“ müsse die Hochschule als Ganzes durchdringen.

Prof. Dr. Ernst Klaus Schneider ist emer. Professor für Musikpädagogik.